Welcher Science-Fiction-Autor hat die Übertragung von audiovisuellen Inhalten über das Internet vorhergesagt?


Die Science-Fiction-Literatur setzt sich nicht nur mit Außerirdischen, Raumschiffen oder anderen Themen auseinander, die scheinbar nichts mit den Alltagsgewohnheiten von uns Menschen auf Erden zu tun haben. Diese Literaturgattung hat auch stets Erzählungen hervorgebracht, durch die sich die Zukunft vorwegnehmen oder sogar vorhersagen oder gestalten lässt. Isaac Asimov, einer der bedeutendsten Vertreter dieser Gattung, definiert sie so: „Science-Fiction ist ein Zweig der Literatur, der sich mit den Reaktionen der Menschen auf Veränderungen in Wissenschaft und Technik befasst.“

Und nicht selten wurden in der Science-Fiction imaginäre Situationen a priori in der Fiktion analysiert und imaginiert, die dann später in politischen Ideologien, elektronischen Geräten oder sozialen oder kulturellen Bewegungen Wirklichkeit geworden sind. Diese „Prophezeiungen“ sind nicht nur in der Science-Fiction-Literatur zu finden, sondern – wie bereits in diesem anderen Artikel erläutert – vielfach auch im Kino, in Videospielen und sogar in der Musik.

Dieser Artikel beschäftigt sich mit Kommunikationskanälen, die erstmals in Science-Fiction-Romanen beschrieben wurden und heute so alltäglich sind, dass wir uns kaum vorstellen können, noch vor ein paar Jahrzehnten ganz ohne sie gelebt zu haben. Der beste Beweis dafür, dass diese Kommunikationsformate heute zu unserem Alltag gehören, ist die Tatsache, dass Sie diesen Blogbeitrag auf einem Gerät lesen, das mit dem Internet verbunden ist.


Webcast: eine der Ideen Asimovs

In diesem Artikel, der am 16. August 1964 in der New York Times anlässlich der Eröffnung der Weltausstellung in Queens, New York, erschien, beschrieb der Professor für Biochemie und Science-Fiction-Autor Isaac Asimov mit einer gewissen Präzision, wie das Leben der Erdlinge im Jahr 2014 aussehen könnte. Etwas mehr als 50 Jahre später sind viele seiner „Visionen“ Realität geworden, und an die Weltausstellung, die unter dem Motto: „Frieden durch Verständigung“ stand, erinnern wir uns heute eher aufgrund der Vorhersagen dieses sowjetischen Schriftstellers und Biochemikers als wegen dieses Leitmotivs.

Quelle: Isaac Asimov – sketchport.com

Asimovs Blick auf die Zukunft der Kommunikation war zu jener Zeit bereits stark auf das Visuelle fixiert. So sehr, dass wir nun eine Analogie herstellen können zwischen der Art und Weise, wie er die Kommunikation in der Zukunft sah, und den am häufigsten verwendeten Kanälen zur Verbreitung audiovisueller Inhalte im Internet, den so genannten Webcasts. Wörtlich sagte Asimov 1964: „Die Menschen werden zwischen zwei beliebigen Punkten der Erde durch das Bild interagieren und miteinander kommunizieren können. Der Bildschirm wird nicht nur benutzt, um die andere Person zu sehen, sondern auch, um Dokumente und Fotos zu studieren.“

Eine weitere Vorhersage Asimovs war die Entstehung des Internets oder vielleicht sogar, wenn wir das etwas genauer betrachten, des Riesen Google: „Enorme Bibliotheken, in denen Informationen über unsere Computer zu Hause frei und bequem zugänglich sind. Ein Ort, an dem jeder die notwendigen Antworten erhalten und Bezüge herstellen kann. Ein Ort, an dem das gesamte Wissen der Menschheit zur Verfügung stehen wird.“


Soziale Netzwerke, vorhergesehen von James Graham

Ein anderer Autor, nicht so bekannt wie Asimov, aber ebenfalls ein Visionär, war James Graham (J.G.)  Ballard, der im Jahr 1977 den Artikel „Die Zukunft der Zukunft“ (The Future of the Future) veröffentlichte, in dem er bereits die gesellschaftlichen Veränderungen vorwegnahm, die zu den sozialen Netzwerken führten. Ballard beschreibt diese Entwicklung so:

„All unsere Handlungen während des Tages und über das gesamte häusliche Spektrum hinweg werden ständig auf einem Videogerät aufgezeichnet. Am Abend setzen wir uns hin und prüfen das unveröffentlichte Material, das von einem Computer ausgewählt wurde, der so trainiert ist, dass er nur unsere besten Profile, geistreichsten Dialoge, unsere wirkungsvollsten Gefühls- und Meinungsäußerungen, die mit den wohlwollendsten Filtern gefilmt wurden, auswählt und sie dann zu einer verbesserten Neuausgabe des Tages wieder zusammensetzt. Dabei ist unsere hierarchische Stellung in der Familie unbedeutend, jeder von uns wird in der Intimität seiner Räume zum Star der sich ständig weiterentwickelnden häuslichen Saga, in denen Eltern, Ehemänner, Ehefrauen und Kinder auf die Ausübung einer passenden, rein unterstützenden Rolle beschränkt werden“.

Quelle: A person reading from a futuristic wraparound display screen – David Revoy / Blender Foundation

Kommt dieser Ansatz nicht dem verblüffend nahe, was wir heute als soziale Netzwerke wie Facebook und Instagram kennen? Auch wenn der Ton des Autors zwischen dramatisch und humoristisch schwankt, spiegelt er zweifelsohne wider, wie wir diese Internetportale in großem Maße täglich nutzen. Wie kann sich der Leser heute die Zukunft der Kommunikation von uns Erdbewohnern vorstellen? Unsere Tagträume und das, was wir uns heute in der Gegenwart vorstellen, sind ohne Zweifel der Rohstoff, aus dem mögliche Versionen der Zukunft gestaltet werden, auch wenn sie aus heutiger Sicht unsicher scheinen mögen …